Hikikomori

Als Hikikomori (“sich einschließen”, “gesellschaftlicher Rückzug”) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren.

Nach einer neuen Erhebung der Regierung weigern sich schätzungsweise 541.000 Menschen im Alter von 15 bis 39, ihr Elternhaus oder Zimmer zu verlassen. Der Rückzug ist in der Regel nicht nur räumlich, sondern meist verabschieden sich diese Menschen innerlich auch von Familie, Freunden und Öffentlichkeit. Immer mehr Betroffene würden sich dabei über längere Zeiträume einschließen, zitierte die Nachrichtenagentur Kyodo aus der Studie. Bei rund 35 Prozent seien es mehr als sieben Jahre.

Beschrieben wurde das Phänomen erstmals durch den japanischen Psychologen Tamaki Saito, der auch den Begriff prägte. Er behauptete, es gäbe in Japan (ca. 127 Millionen Einwohner) mehr als eine Million Hikikomori.

Das japanische Gesundheitsministerium definiert als Hikikomori eine Person, die sich weigert, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und sich für mindestens sechs Monate aus der Familie und der Gesellschaft zurückzieht. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen Hikikomori für Jahre oder sogar Jahrzehnte in dieser selbst gewählten Isolation bleiben.

Die Ursachen können vielfältig sein. Doch besonders häufig sehen sich auf Nachfragen insbesondere junge Erwachsene dem hohen Erwartungsdruck der Gesellschaft nicht gewachsen. Hinzu kommen schulischer Druck oder auch wirtschaftliche Faktoren. Ein Grund sind auch die in Japan besonders starren gesellschaftlichen Normen. So ist streng geregelt, was man selbst engen Vertrauten gegenüber sagen kann und was nicht.

Die Entwicklung zum Hikikomori wird im Wesentlichen durch drei Faktoren beeinflusst:

  1. Finanzielle Situation: Die wohlhabende Mittelschicht in Japan hat die finanziellen Möglichkeiten, auch ein erwachsenes Kind noch angemessen zu versorgen. Bei finanziell schlechter gestellten Familien treten die Kinder dagegen früher in das Arbeitsleben ein.
  2. Familiäre Verhältnisse: Eltern erkennen oft die beginnende Isolation ihres Kindes nicht oder reagieren nicht angemessen darauf. Auch ein Verwöhnen des Kindes oder gar eine beiderseitige Abhängigkeit, wie sie vor allem in der Mutter-Sohn-Beziehung auftritt (in Japan als Amae bezeichnet), beeinträchtigt eine Selbstständigkeit der Jugendlichen.
  3. Situation auf dem Arbeitsmarkt: Die langfristige wirtschaftliche Stagnation hat den japanischen Arbeitsmarkt grundlegend verändert. Konnten sich frühere Arbeiter- und Angestelltengenerationen noch auf eine lebenslange Anstellung in ihrer Firma verlassen, so sind heutige Berufseinsteiger bei ihrer Jobsuche oft erfolglos. Die Auflösung und Neuausrichtung des japanischen Arbeitsmarktes zwingt zu einer Umorientierung der traditionellen Lebensziele.

Artikel zu diesem Thema: Der Tagesspiegel, Spiegel Online

Quellen: Wikipedia, DW

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